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Samstag um 6.00 Uhr morgens beim PSV. Eine kleine buntgemischte Truppe von acht Leuten trifft sich, um miteinander ein gemeinsames Wochenende zu verbringen – und das aus einem
bestimmten Grund – „der Berg ruft“.
Die Fahrt geht in die benachbarte Schweiz ins Appenzeller Land.
Unweit vom Bodensee, in Brülisau sind wir endlich nach zweieinhalb Stunden Autofahrt am Ziel. Das Wetter ist bombastisch – blauer Himmel – keine Wolke – Sonnenschein.
Mit der Seilbahn schweben wir erst mal dicht gedrängt gen Hohen
Kasten – immerhin spart uns diese Fahrt einen mehrstündigen Marsch mit 870 m Höhendifferenz. Der Hohe Kasten bietet uns dann erstmalig rund rum einen schönen Ausblick, klar bei 1794 m Höhe.
Wir sehen den Bodensee in der Ferne, ganz Nahe liegt jedoch der Sämtisersee auf einer Höhe von 1209 m. Den Säntis und die vor uns liegende Bergkette sehe ich recht gut, aber welche Dimensionen diese Tour in sich birgt kann, ich nur erahnen. Nachdem
wir nun alle die ersten schönen Bilder und Emotionen aufgenommen und verarbeitet haben geht es endlich los – ich kann es kaum erwarten.
Die ersten Stunden geht es sich sehr leicht. Wir laufen direkt auf dem
Stauberenfirst. Links liegt die Rheinebene, der Rhein glitzert in der Sonne, im ganzen Tal gibt es keine einzige Erhebung. Die einzige Ausnahme bilden die
vielen verstreuten Häuschen und Gehöfte. Immer wieder bleiben wir stehen und bewundern die Weite und Tiefe, die unter uns liegt. Die erste kleine Pause
machen wir dann auf dem Stauberen. Hier gibt’s Kaffee und Gebäck und gratis dazu eine herrliche Sicht ins Tal. Wir befinden uns übrigens auf einer Höhe von
1760 m. Nach der gemütlichen Pause geht es nun erstmals langsam bergauf. Über die Stauberenchanzel geht´s zur Saxerlücke. Auf der Karte ist der Weg um
die Saxerlücke gepunktet – der erste kleinere Klettersteig, der aber weniger schwierig ist.
Nun verläuft der Weg
unterhalb der Kreuzberge über die Roslenalp hoch zum Mutschensattel auf eine Höhe von 2099 m. Dies ist der erste anstrengende Aufstieg. Der Weg führt nicht direkt über den Gipfel des Mutschen, doch die Lust
am Aufstieg und an der Aussicht lässt uns die Anstrengung vergessen. Und tatsächlich erklimmen die meisten von uns eher nebenbei den Mutschengipfel (2122m) – die Rucksäcke lassen wir
einfach unten. Nach Eintragung ins Gipfelbuch, „Berg Heil“, Gipfelfoto und einer herrlichen Aussicht auf Rätikon, Verwall, Lechtaler und Allgäuer Alpen, im Süden die Glarner Alpen, rennen
wir förmlich wieder zum Sattel zurück.
Nach kurzer Trinkpause führt uns der Weg weiter über den Chreifirst zum
Zwinglipass in Richtung Altmannsattel (2368 m). Vor zwei Tagen gab es noch mal gute 50 cm Schnee. Dieser macht uns jetzt das Laufen nicht leicht. Es
geht stetig bergauf, immer wieder Schneefelder, immer wieder versinke ich im weichen Schnee – das zehrt an den Kräften – ich kann den Grat sehen, doch
mit jedem Schritt so scheint es, verliere ich mehr und mehr an Kraft. Hier reißt die Gruppe das erste Mal auseinander. Die drei jüngsten Cecile, Sacha
und ich erklimmen als erstes den nur sehr schmalen Grat unterhalb des Altmanns. Als ich endlich oben stehe, wird mir das erste mal mulmig, schnell
halte mich an der Eisenstange des Wegschildes fest. Rechts und links geht es steil nach unten. Die letzten Meter mussten wir erstmals klettern, so steil
ging es hoch. Das Problem – wir müssen den steilen Berg auf der anderen Seite wieder nach unten. Während ich gedanklich schon wieder mit dem Abstieg beschäftigt bin, haben die andern, die noch hoch müssen ganz andere „Probleme“.
Unten, so bekomme ich später mit, passiert mit Elvira etwas sehr
merkwürdiges – sie bleibt stehen und lacht und lacht und kann keinen Schritt mehr weiter - Ozonschock oder Höhenrausch ??! Gertrud, unsere Älteste bleibt zurück, sie besteigt den Berg
souverän, halt nur etwas langsamer als wir.
Es dauert noch eine kleine Weile, bis alle oben auf dem Grat
angekommen sind. Und so langsam wird es eng. Den Altmann werden wir nicht besteigen – zu gefährlich, vor allem auch wegen des Schnees. Der Abstieg zum Rotsteinpass und damit auch zur
Hütte war nun das schwierigste Stück der heutigen Wandertour. Das Gefährliche ist der frische Schnee, welcher den Klettersteig sehr
schwer passierbar macht. Alle sind sehr konzentriert und jeder ist bestrebt nicht ins Rutschen zu kommen. Nicht immer ist ein Stahlseil zum festhalten da. Oft verläuft der schmale Steig entlang der Felswand und links begrüßt uns die Tiefe.
Immer wieder fallen Schnee- und Steinteile nach unten. Jeder Schritt muss beobachtet werden. So langsam kämpfen wir uns nach unten. Endlich sehen
wir die Hütte und der schwierigste Teil des Abstieges scheint geschafft zu sein. Doch dann kommt es noch mal ganz hart. Unten in der Hütte verfolgen
die anderen Wanderer unser Ankommen. Mit gespannten Blicken, wohl auch ein bisschen hoffend und bangend erwarten sie uns. Endlich geschafft – man könnte sagen „Hütte Heil“.
Am Abend gibt’s dann gutes Essen - vor allem viel gute Suppe für mich.
Herbert packt seine Spiele aus – dazu spendiert Heiner einen guten Rotwein – die Bude ist voll mit zufriedenen Wanderleuten – die Stimmung ist prima.
Der nächste Tag beschert uns dann einen schönen Sonnenaufgang.
Nach dem Hüttenfrühstück erkundete Herbert, unser Führer, den Weg zum Säntis. Die Entscheidung fällt, obwohl ursprünglich anders geplant, für eine Besteigung des Säntis. Nach etwa 30 Minuten wird
diese Entscheidung überraschend belohnt. Auf einer kleinen grasbewachsenen Anhebung unmittelbar entlang der Wegstrecke lümmelt sich relaxt eine achtköpfige Steinbockfamilie. Die Hörner
der größten Tieren hatten eine Länge von vielleicht 50 cm. Über den Linsengrat geht es weiter. Auch hier liegt Schnee, der den Klettersteig über den Grat beschwerlicher und vor allem schwieriger
macht. Immer wieder ziehen Nebelwolken über uns hinweg, doch letztendlich kann sich zur aller Freude die Sonne doch durchsetzen. Immer wieder gibt es schwierige Teilstücke, mal auf, mal ab – aber der Säntis rückt näher. Leider sind heute am Sonntag
viele Wanderer unterwegs, so dass immer wieder Entgegenkommende und Überholende auf dem nur schmalen Steig an uns vorbeischlängeln. Endlich kommen wir oben an. So richtig
genießen kann ich die 2502 Höhenmeter nicht, dafür ist der Gipfel einfach zu künstlich, verbaut und überbesucht. Eine gute heiße Suppe, Vesperbrote und französische Wurst stärken uns vor dem
langen Abstieg Richtung Wasserauen.
Das erste Teilstück über die Westflanke ins Rossegg ist am
langwierigsten. Es geht via Klettersteig steil felsabwärts. Entlang von Stahlseilen und in den Fels gehauenen Stufen tasten wir uns langsam nach unten. Immer wieder wird der Abstieg von
entgegenkommenden Kletterern aufgehalten. Der Abstieg kostet K raft und die Suppe ist schnell verdaut. Endlich haben wir den Klettersteig passiert. Vor uns liegt ein riesiges Schneefeld
und alles geht bergab. Ich bin froh dass es so ist, denn auf einen Aufstieg hätte ich heute keine Lust mehr. Sehr schnell finde ich einen guten Schritt. Weiter unten wird der
Schnee immer flüssiger und es passiert das Gleiche, wie beim gestrigen Aufstieg - Matsche, Pfützen, nasse Schuhe, nasse Füße. Cecile hat Probleme mit der Hüfte und kommt nicht so gut so gut vorwärts.
Am Mesmer (1613 m) machen wir erst mal halt. Die Stärkung mit leckeren Sachen und
Rivella gibt uns Kraft für den weiteren Abstieg. Weiter geht’s zum Seealpsee, der auf einer Höhe von nur noch 1141 Metern liegt. Unterwegs rennt mir noch ein
fettgefressenes Murmeltier über den Weg. Ein Verrückter, der mit seinem Husky verbunden den Berg runter rennt, überholt uns. Das Abwärtsgehen staucht und ich bin froh endlich auf die dem See vorgelagerte Alm zu kommen.
Da die Gruppe noch ein weites
Stück zurückliegt, habe ich Zeit das Tal intensiv auf mich wirken zu lassen. Rechts und links erheben sich mächtig und gewaltig die Berge, hinter mir liegt erhaben der Säntis und das lange abfallende
Tal. Und ich stehe hier klein und unscheinbar auf der grünen Wiese genieße die Atmosphäre, den strahlend blauen Himmel – und dann spielt da irgendwo beim See auch noch ein Alphorn – PERFEKT. Ich
könnte heulen, so viel Frieden spürte ich auf einmal.
Am See waren wir leider nicht allein – Familien und Wanderer zieht
es an diesem schönen Sonntag alle hierhin und so machen wir uns nach kurzer Pause auch gleich an das letzte Wegstück. Das kurze Stück vom See nach Wasserauen (868 m) fällt noch einmal sehr
steil ab. Von Wasserauen bis nach Brülisau trampen Herbert und ic h, um die Autos zu holen – das spart uns immerhin mehr als eine Stunde Fußmarsch.
Geschafft aber glücklich verlassen wir die Alpen. Staubehindert und müde
kommen wir erst spät abends nach Hause. Abschließend möchte ich sagen: es war ein guter Saisonabschluss, mit allem was dazu gehört, viel Spaß, herrliche Aussichten, eine tolle Wegstrecke und ein guter Führer. Vielen
Dank Herbert.
Christian Lehmann |